Leica und ich (1) – Wie alles begann

Ja, ich leide seit knapp zwei Jahren an Leicanismus. Oder sagt man Leicamanie? Leicose? Keine Ahnung, ich bin kein Mediziner. Ich bin nur ein Leicanist… oder Leicarianer? Wie auch immer – Leicanismus verläuft in der Regel schwer und ist leider nur symptomatisch zu behandeln. Es gibt vereinzelt Berichte von Spontanheilungen, aber eine zuverlässige Therapie existiert nicht. Den Betroffenen bleibt normalerweise nichts anderes übrig, als sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. In der Folge kommt es meist zu extremem Geldverlust, und die immer wieder auftretenden manisch-euphorischen Schübe machen es dem sozialen Umfeld des Leicanisten schwer, mit diesem normal zu interagieren und führen häufig zur Ausgrenzung. So kommt es, dass viele Leicanisten durch die Einrichtung eines Blogs versuchen, der Vereinsamung zu entgehen.
Wie aber kam es bei mir dazu? Alles begann damit, dass ich über viele Jahre schwer stativabhängig war. Jede Fototour glich einer Himalaya-Expedition, nur dass ich alles alleine schleppen musste. Fette Gehäuse, kiloweise Glas, diverses Kleinzeug, und dann noch ein Stativ, das damit auch zurechtkommt. Eine Zeit lang sogar im Mittelformat! Da hat das Stativ alleine mehr gewogen, als meine ganze Ausrüstung heute. All das hat meine ganze Herangehens- und Sichtweise so beeinflusst, dass ich immer weniger fotografiert habe und mich auch kreativ erschöpft fühlte. Ich hatte das Gefühl, selbst meiner eigenen Fotografie im Weg zu stehen; so konnte es nicht weitergehen. Vielleicht könnte ich etwas kaufen, um das Problem zu lösen? Einkaufen ist im Allgemeinen meine Lieblingslösung, sofern sich Geld auftreiben lässt.
Zu dieser Zeit nutzte ich eine Sony Alpha a7R III (ich hatte also schon versucht, kameramäßig etwas schlanker zu werden). Und ich war und bin ein Detail- und Auflösungsenthusiast, was mich eben auch zwischenzeitlich ins (analoge) Mittelformat geführt hatte. Auf der Suche nach einem neuen Weg unterlag ich so von vornherein einer Randbedingung: es soll ein Vollformatsensor sein, mit einer Auflösung nicht geringer als bei meiner Sony. Trotzdem soll es zu einer merklichen Gewichts- und Volumenersparnis kommen! Und ich brauche ein paar Festbrennweiten zum wechseln. Ich liebe Festbrennweiten! Und alles sollte möglichst direkt und einfach sein, keine überflüssigen Features wie z.B. Autofokus oder Video… ein optische Sucher wäre auch toll…
Nach langem Gegrübel, intensivem Geklicke im Web und zähem Ringen wurde ich schließlich mit dem Gedanken infiziert, dass mir im Grunde nur eine Leica M11 helfen kann.
Ich war von mir selbst schockiert. „Das ist doch verrückt! Das kannst du nicht ernsthaft machen!“, dachte ich. Seit meiner Jugend war Leica einfach ein Mythos, etwas, das nicht so richtig in diese Realität gehört. Diese exorbitanten Preise! Wer kauft sowas? Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der eine Leica besaß.
Während ich noch dabei war, diesen Wahnsinn zu verwerfen, ergab es sich zufällig und unvermutet, dass zusätzliche Mittel verfügbar wurden. Der Erwerb einer regelrechten Leica-Ausrüstung rückte plötzlich in greifbare Nähe, und ich dachte mir ganz naiv: „Nimm das Ding einfach mal in die Hand und schau durch den Sucher, vorher hat es sowieso keinen Sinn, darüber nachzudenken.“
Ich unternahm also eine Pilgerfahrt zum Leica-Store in Düsseldorf, um geistlichen Beistand zu suchen, und traf dort auf freundliche und verständnisvolle Menschen. Man gab mir einen recht ordentlichen Kaffee und eine M11, die sich im ersten Moment schwerer anfühlte, als ich es erwartet hätte. Ich machte im Laden und in der Galerie im Untergeschoß einige Probeaufnahmen, zunächst mit einem 35er, dann noch mit einem 50er. Schließlich behauptete ich, noch in Ruhe über alles nachdenken zu wollen und verabschiedete mich – doch meine innere Stimme schüttelte nur ihren imaginären Kopf, wohl wissend, dass ich aus der Nummer kaum noch herauskommen würde.
Der langen Rede kurzer Sinn: ich fand also zum wahren Glauben und habe anschließend mein ganzes altes Zeug, meine unsterbliche Seele und eine Niere (nein, nur Spaß, die natürlich nicht…) verkauft, um meinen weltlichen Besitz der Kirche mit dem roten Punkt zu spenden. Zum Ausgleich erhielt ich bemerkenswerte Reliquien, und von deren Wirkung auf mein fotografisches Wohl und Wehe werde ich in einem weiteren Blogpost erzählen.

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