Leica und ich (2) – Große Gefühle

Es begab sich also zu jener Zeit, dass ich mit einer Leica M11 sowie einem Apo-Summicron-M f2/50mm nach Hause zurückkehrte. Witzigerweise handelte es sich um zwei unbeschriftete, mausgraue Kartons, die keinen Rückschluss auf ihren Inhalt zuließen; erst nachdem diese dünne Papptarnung entfernt war, zeigten sich die eigentlichen Produktverpackungen. Klar, man möchte vermeiden, dass der Kunde auf dem Heimweg womöglich von irgendwelchen Rationalisten gehänselt wird. Diese noble Absicht wird allerdings untergraben, wenn man alles in eine große Tasche mit Leica-Logo packt…

Und wie ging es weiter? Nun, ich brauchte nicht lange, um mich ernsthaft zu verlieben. Meine Kombi passte perfekt in eine winzige Kameratasche, die ich vor Jahrzehnten für eine zierliche Pentax gekauft hatte, und so konnte ich sie bei jeder Gelegenheit mitnehmen, ohne mich beschwert zu fühlen. Natürlich stand mein erster Spaziergang mit der Leica noch ganz unter der Devise „allgemeine Eingewöhnung“, zum Beispiel an das Fokussieren mit dem Messsucher. Als leicht fehlsichtiger Mensch hatte ich auch gleich eine Korrekturlinse erworben, doch es stellte sich heraus, dass meine ursprüngliche Wahl nicht perfekt war. Nach ein paar Tagen habe ich die Linse im Shop gegen eine andere umgetauscht. Leica schreibt dazu in der Bedienungsanleitung:

„[…]dass der Sucher der Leica M11 standardmäßig auf –0,5 Dioptrien eingestellt ist. Wer also eine Brille mit 1 Dioptrie trägt, benötigt eine Korrektionslinse mit +1,5 Dioptrien.“

Nach meiner Erfahrung führt diese Berechnung nicht zwangsläufig zum optimalen Ergebnis. Ich persönlich benötige anscheinend eine leichte Überkorrektur, um genügend Details im Messfeld erkennen zu können. Möglicherweise führt das zu etwas Unschärfe im restlichen Sucher, aber das fällt mir nicht auf. Ich würde jedenfalls dazu raten, Korrekturlinsen nicht unbesehen zu kaufen, sondern im Shop mehrere auszuprobieren. Letztlich zeigte sich, dass man mit dem Messsucher äußerst präzise fokussieren kann – erheblich genauer, als mit dem üblichen „Focus Peaking“ in elektronischen Suchern, die ich kennengelernt habe.

Insgesamt fühlte ich mich auf Anhieb sauwohl mit der Kamera. Alles ging so leicht von der Hand, alles war so gradlinig, so auf den Punkt… ich liebe dieses Bedienkonzept! Die einzigen Features, die ich nicht beachte, sind ein paar Dinge an der „Leica Fotos“-App sowie alles rund um JPGs, aber der ganze Rest ist für mich relevant und nutzbar. Ich hätte früher nicht geglaubt, wie befreiend das schlichte Fehlen von Menüpunkten (und Knöpfen) sein kann. Und apropos App: auch da habe ich anderswo schon schlimmeres erlebt; Verbindungsaufbau und Kamerasteuerung funktionieren jedenfalls einfach und zuverlässig.

Obwohl es eigentlich trivial ist und sein sollte, muss ich schließlich noch die Fertigungsqualität erwähnen. So eine M fühlt sich gut an und klingt gut, ein herausragendes Stück Feinmechanik, und das gilt genauso (oder sogar insbesondere) für die entsprechenden Objektive von Leica. Das sind einfach wirklich schöne Dinge, und ich finde es ganz unironisch sehr schade, dass es sich dabei um so „elitäre“ Produkte handelt, die sich nur relativ wenige Menschen leisten können bzw. wollen. Allerdings ist „wollen“ hier durchaus bedeutsamer, als man vielleicht im ersten Moment denkt: in einem Leica-Forum wurde dazu einmal die Frage gestellt „Wie könnt ihr euch das nur leisten?“, und jemand antwortete sinngemäß „Ich habe mir eben für das Geld kein Auto gekauft, weil es für mich nicht so wichtig war.“

Tja, so subjektiv ist die ganze Sache, und so bleibt sie wohl auch.

Kurzum: in den folgenden Wochen fühlte ich mich beim Fotografieren wie mit 15 – neugierig, begeistert, aufgeregt und voller Enthusiasmus wanderte ich durch die Umgebung und fand überall Motive, die ich vorher gar nicht gesehen hätte. Und beim Bearbeiten meiner Ausbeute haben mich manche Bilder wirklich überrascht. Mehrmals saß ich staunend vor dem Monitor und wunderte mich über einen Bildeindruck, eine Farbigkeit, eine regelrechte Greifbarkeit des Motivs, die mir ganz unbekannt erschien. Ich möchte hier wirklich nicht irgendwelchen Leica-Mythen das Wort reden, und sicherlich trugen mehrere Faktoren zu meiner Erfahrung bei, doch am Ende bleibt die Tatsache, dass ich beeindruckt war. Einer dieser Faktoren – vielleicht der wichtigste – war wohl das Objektiv. Das 50er Apo-Summicron ist schlichtweg ein Juwel, und damit meine ich nicht nur den juwelenartigen Preis. Doch zu diesem Thema werde ich bei Gelegenheit einen neuen Post verfassen!

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