Leica und ich (3) – Mono-Bigamie

Als ich zum ersten Mal von der Existenz einer monochromen Digitalkamera hörte, musste ich laut lachen. Ich las einen Artikel über die Leica M10 Monochrom anlässlich ihrer Vorstellung 2020 und dachte nur: „Was für eine dumme Idee! Das wird ein Flop, wer soll das kaufen?“
Damals hatte ich mit Leica noch nichts am Hut und mir war nicht bewusst, das sich dieses Konzept in der Leica-Welt schon durch zwei Vorgänger-Kameras etabliert hatte. Ein neues Produkt anzupreisen, das sich durch die Weglassung eines entscheidenden Features auszeichnen soll, erschien mir… gewagt, um es diplomatisch auszudrücken. Nicht zuletzt, weil gerade die Möglichkeit, sich jederzeit zwischen Farb- und Schwarzweißbild entscheiden zu können, für mich zu den wichtigsten Vorteilen der Digitalfotografie gehörte und ein entscheidender Faktor für meinen Entschluss war, der analogen Welt den Rücken zu kehren. Ich hätte nie erwartet, dass ich mich ein paar Jahre später selbst fragen würde, ob ich vielleicht so ein Ding erwerben sollte.

Als die M11 Monochrom erschien, war ich bereits Neophyt des Wetzlarer Kultes und wanderte glücklich mit meiner M11 umher. Ich hatte die grundlegende Absurdität der Marke Leica schon hinter mir gelassen, und so konnte eine gefährliche Neugier in meine Gedanken eindringen. Ich verstand plötzlich, warum es monochrome Kameras gibt. Warum es jemand mögen könnte, dass der Sensor keinen Filter hat und dass das Bild quasi Pixel für Pixel aus den Luminanzwerten der einzelnen Sensorzellen besteht. Ohne Demosaicing (https://de.wikipedia.org/wiki/Demosaicing) im Bearbeitungsprogramm, das dessen Ergebnis anschließend bei der Schwarzweiß-Konversion wieder wegrechnet.
Dazu kam, dass ich schon immer eine besondere Liebe zum Schwarzweißbild (und dessen Verarbeitung im Labor) hatte; in meinen letzten analogen Jahren machte ich praktisch nichts anderes. Ich geriet in das gedankliche Gravitationsfeld der M11M und schwenkte in eine elliptische Umlaufbahn ein. Über mehrere Wochen verbrachte ich lange (Foto-)Spaziergänge damit, mich zu fragen, was ich mir in dieser oder jener Situation davon versprechen würde, eine Monochrom-Kamera zu haben. Wie ich mit dem Konflikt umgehen würde, ob ich die eine oder die andere Kamera mitnehmen sollte (zwei davon herumzutragen fand ich nicht wünschenswert). Ich erarbeitete mir so nüchtern wie möglich Argumente dafür, dass ich so etwas nicht brauche und dass ich mich damit nicht weiter befassen sollte. Doch es nützte nichts, alles war umsonst. Ich hatte keine Kraft mehr, der Neugier Widerstand zu leisten. Ich musste die Monochrom-Erfahrung selber machen, denn nur so würde ich wieder Frieden finden können – und sei es in der Erkenntnis, dass ich ein Idiot bin.

Seitdem sind fast zwei Jahre vergangen, und wenn ich heute für die sprichwörtliche einsame Insel meine letzte Fotoausrüstung zusammenstellen und mich zwischen M11 und M11M entscheiden müsste, würde ich die Monochrom wählen. Ich mache immer noch Farbaufnahmen mit der M11, aber das ist die Ausnahme geworden. Für Farbe brauche ich eine besondere Motivation, die ich nicht oft habe. Sicher, manchmal verpasse ich eine Gelegenheit für ein Bild, das schwarzweiß nicht funktioniert, weil ich die falsche Kamera dabei habe, aber das ist es mir wert. Der umgekehrte Fall fühlt sich schlimmer an: ein Bild, das ich unbedingt in schwarzweiß haben will in Farbe aufnehmen und dann konvertieren zu müssen, frustriert mich stärker.
Der geneigte Leser wird nun fragen „Aber warum denn??“, und die direkteste (wenn auch wenig informative) Antwort darauf wäre einfach ein tiefer Seufzer. So ist das eben mit der Leidenschaft, sie entzieht sich der rationalen Abwägung und folgt keiner übertragbaren Erkenntnis. Zwar sind z.B. die höhere Lichtempfindlichkeit und Detailzeichnung eines filterlosen Sensors objektive Tatbestände, aber deren praktische Relevanz kann natürlich bestritten werden. Und sie wird es auch: ich habe öfter Foren-Posts gelesen, in denen jemand erklärt, dass Monochrom-Kameras sinnlos sind, dass eine monochrome Aufnahme sogar aufgrund der verringerten Flexibilität bei der Bearbeitung (Stichwort Farbkanäle) einer konvertierten Farbaufnahme unterlegen sei „weil es ja ansonsten dasselbe ist“. Aber letzteres stimmt eben nach meiner Erfahrung nicht. Das ist keineswegs dasselbe.

Eigentlich wollte ich jetzt über die bemerkenswerte Flexibilität eines monochromen RAW-Bildes spechen, dessen Histogramm man sich ziemlich bedenkenlos zurechtschieben kann, weil auch in den tiefsten Schatten noch genug Information liegt. Aber ich habe plötzlich das Gefühl, damit vom Thema abzukommen. Ich will nicht begründen, warum es „vernünftig“ ist, eine Monochrom-Kamera zu benutzen. Vielleicht ist es das nicht, und mir ist es ja sowieso egal. Ich bin generell kein großer Freund übermäßiger Vernunft (falls das bislang noch nicht aufgefallen sein sollte).
Mir geht es hier nur darum, eine persönliche Erfahrung zu beleuchten, die mich selbst überrascht hat. Ich habe dabei auch (erneut) gelernt, wie die Verwendung eines Werkzeugs das eigene Bewusstsein beeinflusst. Das „wieder auf den Punkt bringen“ meiner Fotografie, das ich schon bei meiner Begegnung mit der M11 empfand, liefert die M11M natürlich auch – das (Bedien-)Konzept ist schließlich identisch. Aber wenn es eben spezifisch um schwarzweiß geht, setzt diese Kamera durch ihre Fokussierung noch eins drauf. Sie hilft mir, zu verstehen, was ich von einem Bild will. Und sie gibt mir das Gefühl dass sie – sofern ich mich nicht dumm anstelle – das bestmögliche Ergebnis liefern wird. Es ist etwa so, als hätte ich nach langen Versuchen meine perfekte Film-Entwickler-Kombination gefunden, deren Eigenschaften ich intuitiv nutzen kann und deren Negative in der weiteren Verarbeitung alle Möglichkeiten eröffnen.

Es ist einfach das schwarzweißeste Schwarzweiß überhaupt, falls das einen Sinn ergibt.

Nein?

Naja, ich hab’s versucht…

2 Antworten zu „Leica und ich (3) – Mono-Bigamie“

  1. Avatar von Steffen

    Ob das Konzept, sich im ersten Schritt zu beschränken, aber auch zu fokussieren, Sinn macht, habe ich mir schon oft überlegt. Da hat jeder seine eigenen Ansichten, die meist schwer verrückbar sind.
    Der Text war auf jeden Fall sehr amüsant zu lesen. Und das hat mich zu diesem Kommentar bewegt.

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    1. Avatar von Rod
      Rod

      Danke für die Blumen! Ich möchte dazu noch sagen: Ich sehe hier gar nicht den Aspekt der Beschränkung im Vordergrund. Es handelt sich eher um eine Spezialisierung, denn man erhält ja auch etwas zusätzliches dafür. Beschränkung um ihrer selbst willen findet man z.B. in der M11-D, die einfach nur keinen „ablenkenden“ Monitor hat (um diese Funktionalität dann in die App auszulagern, witzig…). Damit kann ich nichts anfangen, aber es gibt wohl tatsächlich Menschen, die daraus Inspiration gewinnen können.

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